Texte / Filme

Das Gespräch

Wolfgang Skoluda im Gespräch mit Barbara Franck
Aus der aktuellen Publikation Vaters Schmuck

Barbara Franck: Dein erstes Schmuckstück zu machen sei so spannend gewesen wie ein neues Bild zu malen, hast Du im Katalog „Anfänge“ geschrieben. Könnte man sagen, dass Du im Grunde weiterhin malst oder zeichnest, nur mit anderen Mitteln?

Wolfgang Skoluda: Nee. Überhaupt nicht, leider. Mir fehlt auch was, weil ich das nicht nicht mehr tue. Aber es hat da mal einen Punkt gegeben, da haben mich meine beiden Musen an ihren Tisch gerufen, um mich zur Rede zu stellen.

Welche beiden Musen?

Die Muse für die Malerei und die für den Schmuck. Und die haben gesagt, dass es so nicht weitergeht. Sie könnten mich nicht beide versorgen, ich hätte mich gefälligst zu entscheiden. Und so habe ich einfach entschieden, dass ich mit meinem Produkt lieber am Hals einer Frau hänge als an einer Wand.

Ich finde aber trotzdem, dass die Formen, die Du aus Gold herstellst, etwas von Malerei haben.

Die sind so sinnlich wie Malerei, vielleicht darum.

Dein erstes Werk war die von Lucas Cranach inspirierte „Venus-Gürtel-Kette“ aus Flaschenscherben und plattgehauenen Silbermünzen, die Du von Deiner Oma geerbt hattest – eine Liebeserklärung an Deine damalige Freundin, ein Stück Verführung sozusagen. Sind solche Gefühle immer noch der Hintergrund Deines Schmuckmachens?

Natürlich ist immer auch ein bisschen Verführung dabei. Eine Frau zu schmücken oder ihr was anzubieten als Schmuck ist einfach was Wunderschönes. Es fällt mir schwer, das Gleiche gegenüber Männern zu empfinden. Ich finde es toll, wenn ein Mann gern einen Ring oder eine Kette von mir haben möchte, aber am liebsten würde ich nur für Frauen arbeiten. Das ist einfach ein Ausdruck meiner Zuneigung.

Schwebt Dir eine bestimmte Art von Frau vor bei Deinem Schmuck?

Nein, das Schöne an Frauen, an allen Frauen, ist ja, dass sie sowas haben … Selbst Vierjährige, wenn sie nicht nur rumkreischen, oder 110 - Jährige, wenn sie nicht ganz tatterig sind. Frauen haben es leichter, sie können eine neue Welt in die Welt setzen, ohne dass sie dafür Schmuck machen müssen.

Du hast ja nie eine Ausbildung als Goldschmied gemacht …

… und ich hab auch zum ersten Mal eine Goldschmiedewerkstatt von innen gesehen, als ich schon sieben Jahre Schmuck gemacht hatte. Ich war total verdattert, was man eigentlich alles dazu braucht, um Goldschmuck herzustellen. Ich hab damals zum Beispiel gar nicht gelötet. Ich hab genietet oder zusammengefaltet, und ich war hochgradig begeistert, im Museum für Kunst und Gewerbe die wunderbaren Ringe und das Armband von Schmidt-Rottluff zu sehen. Der hatte das genauso gemacht – alles war getrieben, gebogen, verfaltet, durch Nieten verbunden und ohne Feuer verarbeitet. Da fühlte ich mich auf der Stelle nicht mehr allein.

Anfangs hast Du viele Spiralketten gemacht. „Wie ein Kind habe ich nach der Krikelkrakelphase zur ersten Gestalt gefunden, der Spirale“, hast Du das in einem Katalog beschrieben. Hat Deine Arbeit immer noch was Spielerisches?

Ja, das geht gar nicht anders. Wenn Du da spielerisch rangehst, bist Du offen. Mir kommt so ein Zustand kindlich vor. Kindlich, nicht kindisch. Nahe am Punkt des Kreativen. Kinder sind kreativ, es gibt keine, die es nicht sind, das bringen wir ihnen bloß bei. Wenn sie zehn Jahre alt sind, haben wir das meist geschafft.

Hat sich Deine Arbeitsweise mit den Jahren verändert?

Also jetzt, im Alter, verändert sich das schon (seufzt). Ich bin ja längst Rentner, rein theoretisch, und meine Augen werden schlechter, die Hände verkrampfen sich manchmal … Dazu kommt der Goldpreis, der ist einfach grotesk für uns Schmuckmacher. Als ich anfing, hat das Gramm fünf DM gekostet, heute sind es 45 Euro. Da wird es für meine Klienten – ich nenne meine Kunden Klienten – schwierig.

Also hat sich die Arbeit nicht inhaltlich, sondern aus praktischen Gründen verändert?

Ja, ich versuche, schlichter zu werden. Manchmal finde ich es sogar gut, daß Gold so teuer ist. Es zwingt mich, feinere Sachen zu machen, obwohl mir die zu feinen eigentlich nicht liegen. Ich finde aber, jungen Mädchen oder jungen Frauen tut es sehr gut, leichte Ketten zu tragen.

Machst Du immer noch am liebsten Ketten?

Kettenmachen ist für mich das Natürlichste von der Welt. Weil eine Kette am Hals am schönsten aussieht, schöner als ein Reif zum Beispiel.

Wie arbeitest Du – Du hast eine Idee und dann …

Ja, also nee. Ich hab nichtmal eine eigene Idee. Ich komm ohne aus. Ich nehm mir einen alten Stein oder mehrere Steine. Dann horch ich, was mir die zu sagen haben. Und wenn sie mit mir geredet haben, mach ich das, was sie wollen. Und wenn sie nicht mit mir reden, leg ich sie zurück.

Welche antiken Stücke erzählen Dir am schnellsten oder am intensivsten Geschichten?

Wenn ich mich damit befasst habe, dann werden es immer mehr. Ich muss alles über einen Stein wissen, oder jedenfalls so viel wie möglich. Sonst verstehe ich seine Sprache nicht. Am liebsten verarbeite ich übrigens Stücke, die ich gerne behalten würde.

Wieso das?

Ich hab ja in den vielen Jahren eine ganz hübsche Sammlung zusammengetragen. Manchmal denke ich, ich bin zu reich beschenkt und sollte mal ein Opfer bringen. Nur, wer was abgibt, bekommt auch was zurück. Wenn Du was abgibst, was Dich eigentlich nicht bewegt, ist das belanglos, dann wird der Schmuck auch nicht so gut, wie er sein könnte. Aber wenn Du was abgibst, was Dir etwas bedeutet, dann steckst Du alle Kraft in die Arbeit, dass der Schmuck so schön wird, dass Du sagen kannst: Jo, das hast Du verdient.

Du hast mit Silber angefangen, und heute arbeitest Du nur noch mit Gold. Warum?

Die antiken Steine kosten ja. Wenn Du sie in Silber fasst, wird das Ergebnis für Silberschmuck unverhältnismäßig teuer. Außerdem ist es eine Ehrenbezeugung gegenüber den antiken Teilen, und Gold passt auch am besten zu ihnen. Hinzu kommt, dass es unheimlich gut dazu geeignet ist, etwas Kaputtes heil zu machen. Bei den antiken Steinen ist es wichtig, dass es den Bewegungen folgt, und das tut Gold. Gold ist anpassungsfähig, wenn es verarbeitet werden will, es lässt sich gut verführen. Silber ist spröder.

Wieso möchtest Du Kaputtes heil machen?

Das ist eine große Sehnsucht von mir. Vielleicht, weil ich ein Kriegskind bin. Wir sind ja ’43 in Barmbek ausgebombt worden. Wir haben wirklich alles auf einmal verloren, ich besaß nur noch das, was ich anhatte, und die ganze Welt rundum war kaputt. Die Spolien sind ja meist irgendwie beschädigt. Und das Schöne, was noch von ihnen vorhanden ist, wieder aufstrahlen zu lassen, bedeutet mir viel.

Geht es Dir auch um eine Symbiose von Antike und Gegenwart?

Die Antike ist ein Teil unserer Gegenwart. Also, die Stücke der Antike sind genauso legitim für unsere Zeit wie sie es damals waren. Wir haben vielleicht ein anderes Verständnis für sie, aber sie sind ein Teil von uns. Wir können nicht auf sie verzichten, und wenn wir’s tun, machen wir uns ärmer.

Was ist Dein Schmuck mehr: Kunst oder Handwerk?

Mit dem Begriff Kunst kann ich überhaupt nichts anfangen. Ich glaube auch, dass andere entscheiden müssen, was Kunst ist. Ich würde nie sagen, ich bin Kunsthandwerker oder Künstler – ich bin Schmuckmacher.

Und der Begriff Design?

Nö. Brauch ich nicht. Design ist für mich etwas, das sich seriell wiederholt.

Wie reagierst Du auf das Wort „dekorativ“?

So einen Schmuck würde ich nicht machen wollen, dazu habe ich keine Zeit. Dass irgendwas dekorativ ist, hieße, es würde zu vielen passen. Ich bin aber mehr daran interessiert, für jede einzelne Frau ein Stück machen zu dürfen. Was natürlich ein bisschen größenwahnsinnig ist. Aber trotzdem strebe ich das an. Ich lös’ das Problem so, dass ich ein Schmuckstück nicht jeder gebe, die es haben will, sondern nur der, von der ich finde, dass es zu ihr passt.

Hast Du wirklich schon mal abgelehnt, ein Stück zu verkaufen?

Ja.

Und wie ist das ausgegangen?

Auf der einen Seite beleidigt, auf der zweiten Seite: Bist du verrückt? Und von meiner Seite: Pfff …

Findest Du Deinen Schmuck mit seinen opulenten, üppigen Formen zeitgemäß?

Ist der Körper einer Frau zeitgemäß? Der ist zeitgemäß, also ist auch das, was ich mache, zeitgemäß.

Bedeutet Schmuck zu machen für Dich Glück?

Ja, wenn ich was Neues erfinde, ist das Glück. Das heißt, ich hab mich eingelassen und krieg etwas zurück. Natürlich ist Liebe oder Zuneigung noch schöner. Aber das Machen ist auch eine Form von Glück.

Wie oft sind Dir ganz neue Sachen gelungen, kannst Du das über den Daumen sagen?

Bei den Ketten, die ich in über 50 Jahren gemacht habe, sind auch ein paar Erfindungen dabei, Sachen, die es sonst nicht gibt. Aber ganz neue? Vielleicht fünfzehnmal im Leben. Das Machen basiert ja auf Erfahrung, und da gibt es selten eine Tür, die ins völlig Neue führt. Erstmal bieten die Diener in Deinem Kopf Dir an: Machs doch so oder so. Und das dann nicht zu tun, das zu verweigern, darum geht es. Dann reicht es vielleicht aus, dass die Leute später sagen: Das ist ein Skoluda.